Domivka
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Wenn man sich dem Krieg stellen müsste: Wie kann man die Liebe zum Leben retten und bewahren?

7. September 2022 - 5 min

Nataliya Pushkina, Lehrerin für Schmuckkunst bei “Domivka”, die wegen des Krieges aus Charkiw nach Wien kam, teilte ihre Erfahrungen mit uns.

Seit sieben langen Monaten tobt in der Ukraine ein ausgewachsener Krieg. Auch wenn manche es vielleicht geschafft haben, sich an schreckliche Nachrichten zu gewöhnen, oder diese zu ignorieren - die Folgen sind für alle spürbar, egal, in welchem Land man sich befindet.

Neben der Tatsache, dass jeden Tag Kinder sterben und das Leben von Millionen Menschen durch die russische Aggression zerstört wird, gibt es auch etwas, worüber nur wenige sprechen. Es ist klar, dass das Problem der Wechselkurse vor dem Hintergrund des täglichen Kriegsterrors nicht so wichtig erscheint. Aber beschränkt sich die verheerende Wirkung des Krieges nur auf die Preissteigerung und die „Winterfrage"?

Wir haben mit Natalia gesprochen, einer Frau, die neben dem Krieg auch einen Brand und Krebs überlebt hatte. Sie erzählt, wie sie es geschafft hat, sich trotz aller Schicksalsschläge ein strahlendes Lächeln und ihren Optimismus zu bewahren.

Natalia, wie sind Sie nach Wien gekommen?

"Als der Krieg begann, habe ich mich sofort entschieden zu flüchten. Ich hatte keine Zweifel, ob ich wegfahren sollte oder nicht. Mein Sohn, der in Wien lebt, hat ein krankes Kind. Also dachte ich, wenn ich in der Ukraine bleibe und mir etwas passiert, wird es ihm noch mehr Probleme bereiten. Meine größte Angst war, dass ich im Falle eines Beschusses nicht sofort sterben würde.

Deshalb habe ich mich am 25. Februar um 4:30 Uhr morgens schon auf den Weg gemacht. Der Weg war lang und schwierig. Ich bin erst am 1. März in Wien angekommen. Hier habe ich sofort den Flüchtlingsstatus beantragt, weil man in Österreich noch nicht wusste, was man mit uns, den Geflüchteten aus der Ukraine, machen sollte. So bin ich zunächst in Traiskirchen in einem Flüchtlingslager gelandet, wo ich 4 Wochen verbracht habe. Und erst im April habe ich es geschafft, nach Wien zu ziehen, näher an meine Familie."

Erzählen Sie uns, auf welche Schwierigkeiten Sie unterwegs gestoßen sind?

"Der Weg war sehr schwierig. Sehr. Im Februar sollte ich ins Krankenhaus, musste aber vor dem Krieg fliehen. Aus diesem Grund war es ziemlich schwierig, all die Umstiege und schlaflosen Nächte zu überstehen ... Charkiw, der Bahnhof wurde zerstört. Dort haben sich viele Frauen mit Kindern und ausländische Studenten versammelt (in unserer Stadt gibt es große Universitäten, an denen viele Ausländer studieren).

Ich war erstaunt, wie die Angst Menschen beeinflusst. Studenten drängten Frauen mit Kleinkindern, um zuerst in den Zug einzusteigen ... ich verbrachte fast 24 Stunden in dieser Hölle und schaffte es erst um drei Uhr morgens abzureisen. Und das war erst der Anfang. In Kiew drängten sich 15 Personen in unser Zugabteil, und der Hund war der sechzehnte.

Als wir in Lemberg angekommen sind, konnten wir uns dort zum ersten Mal ausruhen. Und gleich danach mussten wir 30 Stunden lang an der Grenze zu Polen stehen. Es gab Frauen und Kinder im Bus, die es sehr schwer hatten. Aber unsere Fahrer, ein Serbe und ein Bulgare, haben uns sehr unterstützt und uns bei allem geholfen. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür.

Es war eine dunkle, kalte Nacht, als wir am Zoll aus dem Bus ausgestiegen mussten. Die Zollbeamten haben warmes Essen und Wasser für uns vorbereitet. Diese Sorge mitten in der Nacht ... es war etwas Unglaubliches und Berührendes. Wenn ich daran denke, ist mein Herz voller Liebe und Dankbarkeit."

Fiel es Ihnen schwer, sich in Wien einzuleben?

Ich hatte keine Eingewöhnungszeit. Wien erinnert mich an Odessa. Es gibt Städte, in denen ich mich wie zu Hause fühle. Hier hatte ich sofort das Gefühl, dass dies meine Stadt ist. Und wie kann man Wien nicht lieben? Diese Architektur, Parks... und Menschen! Die Stadt öffnete mir in einem kritischen Moment ihre Tore. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Wie schaffen Sie es, nach all dem, was Sie durchmachen mussten, eine so positive Einstellung zu bewahren?

In meinem Leben ist der Krieg eine weitere Prüfung, die bestanden werden muss. Wenn ich in jeder schwierigen Situation aufgegeben hätte, hätte ich meine Gesundheit und meinen Seelenfrieden längst verloren. Ich habe die Onkologie überlebt, meine Wohnung ist einmal abgebrannt... In solchen Momenten reiße ich mich zusammen und fange an zu handeln. Ich sage mir: Ich werde später darüber nachdenken.

Um Schwierigkeiten zu überwinden, sage ich Folgendes: Danke, Gott. Ich bin bereit, deinen Weg zu sehen, deine Weisheit und das ganze Programm, das du für mich vorbereitet hast, anzunehmen.

Des Weiteren bin ich sehr patriotisch erzogen worden und war immer stolz auf die Ukraine. Wir haben ein singendes, talentiertes, fleißiges Volk. Egal, wo unsere Frauen wohnen, sie werden Blumen und bestickte Kleider haben und sie werden jedem Essen und Trinken anbieten, und zuhören. Das ist die Natur unserer Nation.

Ukrainische Frauen haben Stolz und Mut. Sie haben immer überlebt, wie man unserer Geschichte klar entnehmen kann. Deshalb sind sie nicht nur schön und intelligent, sondern sie haben auch eine aufrichtige Seele. Ich bin Ukrainerin, und ich kann stark sein.

Außerdem bin ich ein sehr kreativer Mensch. Kreativität ist ein weiterer Schlüssel, um die Liebe zum Leben in jeder Situation aufrechtzuerhalten. Ich glaube, dass Kreativität die höchste Manifestation eines Menschen ist.

Ich habe das Talent, das Leben in vollen Zügen zu leben. Das Leben ist zu kurz, um es zu verschwenden. Wir können nicht sagen: diesmal habe ich das getan, und im nächsten Leben werde ich es anders versuchen. Wir müssen alles jetzt richtig tun.

In Stresssituationen weiß ich immer, was zu tun ist. Ich lasse mich nicht entmutigen und lasse andere Menschen um mich herum nicht aufgeben. Dann, wenn alles vorbei ist, gehe ich zum Spiegel und sehe, dass ich 10 Jahre weiser geworden bin. Und dieses Mal bin ich in ein paar Monaten um 10 Jahre klüger geworden.

Was haben Sie in der Ukraine gemacht, und haben Sie in Wien eine Fortsetzung dieser Tätigkeit gefunden?

Ich kann viel mit meinen Händen machen. Ich habe die Kurse eines Modedesigners abgeschlossen und habe an der Kharkiv Academy of Culture, am International Institute of Fashion and Design und am Interregional Center of Jewelry Art in Kiew studiert.

Ich kann nähen, Kleider und Menschen dekorieren. Ich kann sowohl eine Blume für ein Kleid als auch einen Verlobungsring machen. Ich mache hauptsächlich Kupferschmuck. Wissen Sie, was ich wirklich bereue? Ich habe meine Werkzeuge in der Ukraine gelassen. Es war ein Fehler. Ich vermisse sie so sehr.

In der Ukraine habe ich also mit Kindern gearbeitet und verschiedene Kurse unterrichtet. Aber in den letzten Jahren habe ich Schmuck auf Bestellung angefertigt. Und ich bin auch Mitglied der Künstlervereinigung. Jetzt arbeite ich mit Kindern bei „Domivka".

Was genau machen Sie bei „Domivka”?

Ich habe ein Designstudio namens „Schatzinsel". Wir machen Schmuck. Alle Kinder sind sehr talentiert, sie offenbaren ihre Talente. Sie sind so klein, aber so frei. Das bedeutet, dass unser Land und unser Volk frei sind. Sie singen, sie erzählen mir Geschichten, und sie schämen sich für nichts, sie haben keine Angst. Und gleichzeitig stellen sie unglaublichen Schmuck her.

Das ist mein weiterer Ansporn fürs Leben. Was mir Flügel verleiht, leuchtet mir den Weg. Ich bin so glücklich, hier mit unglaublichen Menschen zu sein, die so viel Gutes in diese verrückte Welt bringen.

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Wir danken Natalia Puschkina für ihre Erfahrung und ihren Optimismus.

Und wir bitten alle, die bis zum Ende gelesen haben, in gute Zwecke zu investieren. Dank jedem Euro, den Sie auf das „Domivka“-Konto überweisen, schaffen wir neue Arbeitsplätze, stellen Materialien für Kinderworkshops zur Verfügung und ermöglichen einer weiteren Frau, ihr Potenzial an einem neuen Ort auszuschöpfen.

Eine Gesellschaft, in der Menschen ihre eigenen Erfolgswege gehen, ist eine erfolgreiche und glückliche Gesellschaft. Indem wir uns gegenseitig helfen, tragen wir nicht nur dazu bei, ukrainischen Frauen zu helfen, sondern auch ganz Österreich, der Ukraine, Europa und der ganzen Welt.

Um mehr zu erfahren, wie Sie uns unterstützen können, besuchen Sie:
https://www.respekt.net/projekte-unterstuetzen/details/projekt/2441/










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