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5 Adaptationsstufen, die ukrainische ZwangsmigrantInnen in Europa durchlaufen

Seit mehr als einem halben Jahr dauert der Krieg an. Was haben ukrainische Frauen, die in Todesangst hektisch ihr Zuhause verlassen haben, erlebt? Der große Nachbar versucht, ihnen ihre Häuser wegzunehmen, und zerstört dabei nicht nur Gebäude, sondern auch Herzen.

Wir haben ein wenig recherchiert und möchten die Ergebnisse gerne mit Ihnen teilen, damit Sie die ukrainischen Frauen, die derzeit in Ihrer Nähe leben, besser verstehen können. Woran denken sie? Was stört sie? Was ist für sie schwierig zu bewältigen? Und wie kann man ihnen helfen?

Es gibt insgesamt fünf Adaptationsstufen, auf welche wir einen Blick werfen.

1. Orientierungslosigkeit

Zu Beginn des Krieges haben ukrainische Frauen auf eine schnelle Rückkehr in ihre Heimat gehofft. Unklar war, was zu tun ist, und ob man denn weggehen soll, denn „man muss nur ein wenig bis zum Kriegsende warten“. Zu diesem Zeitpunkt wurden ständig Nachrichten angeschaut. Es gab Tränen, schlaflose Nächte, Panikattacken und Depressionen.

Ein hohes Angstlevel hat zu erhöhter Sensibilität, Emotionalität und Reizbarkeit der betroffenen Frauen geführt. Viele haben sich zum ersten Mal in einer Opferposition wiedergefunden und konnten sich mit dieser neuen Rolle nicht anfreunden. Die Hilfe von völlig Fremden anzunehmen ist eine schwere Prüfung für eine starke Frau, die sich ihr Leben lang nur auf sich selbst verlassen hatte.

Sport-Orientierungslauf ist eine Sportart, bei der die Teilnehmer mit Hilfe von Kompass und Karte eine unbekannte Route so schnell wie möglich durch auf dem Gelände befindliche Kontrollpunkte durchgehen müssen.

Nach ein paar Monaten nach dem Trainingsbeginn an der Kinder- und Jugendsportschule hat er am 14. Oktober 2021 den ersten Platz bei der Open Championship in Kiew unter den Athleten mit Schäden am Bewegungsapparat auf der Sprintdistanz in seiner Altersklasse belegt. Am 15. Oktober hat er den dritten Platz auf der Mitteldistanz erreicht.

Er war der jüngste Teilnehmer des Rennens. Seine Eltern waren stolz auf das erfolgreiche Debüt des jungen Sportlers. Dieser Sport hat dem Wesen des aktiven und energiegeladenen Jungen und dem Wunsch seiner Eltern entsprochen, dass er während der Covid-Epidemie mehr Zeit im Freien verbringt.

Außerdem verloren die Menschen ihre Stützen: Arbeit, Zuhause, Familie, Freunde und ihre vertraute Umgebung. Aufgrund einer schnellen und ungeplanten Flucht wurden alle Pläne für die Zukunft zerstört und es war einfach unmöglich, sich neue Gedanken an die Zukunft zu erlauben. Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und fehlende Unterstützung haben den Vertriebenen das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle über ihr eigenes Leben genommen.

2. Enttäuschung

Trotz ihrer Orientierungs- und Fassungslosigkeit mussten die Flüchtlinge schnell in eine neue Gesellschaft eintauchen. Die erste Bekanntschaft mit den Regeln, Gesetzen und einer komplett neuen Lebensweise in einem fremden Land hat sehr schnell und unter Stress stattgefunden.

Es ist eine Sache, als Tourist in eine schöne europäische Hauptstadt zu kommen, und eine ganz andere, als Zwangsmigrant in diese zu reisen. Ukrainische Frauen haben gesehen, dass jedes Land sowohl Vor- als auch Nachteile hat.

Diese Phase wurde intensiver erlebt, da ukrainische Frauen gezwungen waren, umzuziehen. Es war nicht ihre Wahl, also wurde jedes Hindernis und jede Unvollkommenheit eines anderen Landes als zusätzlicher Grund wahrgenommen, die Ukraine noch mehr zu lieben und die Heimat noch leidenschaftlicher zu vermissen.

3. Anpassung

Nachdem sich die emotionalen Schwankungen etwas beruhigt hatten, hat die Anpassungsphase begonnen. In dieser Phase stehen die Ukrainerinnen vor alltäglichen Aufgaben, die sie alleine lösen müssen. In einem fremden Land wird alles zu einem riesigen Problem.

Einen Termin beim Arzt vereinbaren? Ein großes Problem. Man versteht das System nicht und kennt die Sprache nicht. Wo ist der Arzt, zu dem ich gehen kann, wann sind seine Öffnungszeiten und was brauche ich überhaupt dafür, um zum Arzt in Österreich gehen zu können?

Einen Kindergarten finden? Das ist eine noch schwierigere Aufgabe, weil nicht klar ist, womit man anfangen soll? Wen soll man kontaktieren? Und welche Unterlagen braucht man, damit das eigene Kind im Kindergarten eingeschrieben wird?

Kleber kaufen? Eine Fotokopie machen? Ein Foto für ein Schülerticket drucken? Eine neue Gesichtscreme kaufen? All diese kleinen Dinge verursachen Stress, weil man herausfinden muss, wie und wo man es tun kann. Mal ganz abgesehen von den wirklich großen Problemen, wie etwa eine Wohnung zu mieten oder einen neuen Job zu finden.

Daraus entsteht oft der Wunsch zurückzugehen, was viele Ukrainerinnen bereits getan haben. Die Bedrohung durch den Angreifer erwies sich als weniger beängstigend als die Tausende von Hindernissen, die jeden Tag an einem neuen Ort überwunden werden müssen.

4. Stabilisierung

Nachdem die grundlegenden Probleme gelöst sind, beginnt eine aktive Erforschung der Kultur des neuen Landes. Neue Pläne für die eigene Zukunft entstehen, zaghaft kommt der Wunsch auf, mit jemand anderem als nur Verwandten und Freunden zu kommunizieren.

In dieser Phase befindet sich zurzeit eine große Anzahl an umgesiedelten Frauen. Sie haben bereits ein Verständnis dafür, was in der Zukunft zu erwarten ist. Das schwebende Gefühl der Unsicherheit und Enttäuschung verschwinden allmählich. Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und dem Aufbau eines Freundeskreises steigt. Grundlegende Fragen zu den Themen Wohnen und Einkommen, Schulen und Kindergärten wurden bereits abgeschlossen. So entstehen neue Aufgaben: Wie können sie ihr Leben auf das Niveau des Vorkriegskomforts bringen? Die Sprache wird aktiv gelernt und alle Ressourcen werden genutzt, um einen Job zu finden.

5. Aktivitätsphase

Dies ist der Moment, in dem sich eine Person bereits an das Leben in einem neuen Land angepasst hat. Sie fühlt sich wohl und kann alle Probleme alleine lösen. Die Kenntnis einer neuen Sprache wird aktiv verbessert, der Bekannten- und Interessenkreis erweitert sich. Eine Person wird zu einem vollwertigen Teil der neuen Gesellschaft.

Ukrainische Frauen haben diese Phase noch nicht erreicht. Die meisten befinden sich nach wie vor in einem Zustand der Orientierungslosigkeit oder überwinden gerade die letzten Stufen der Anpassung und Stabilisierung.

Unsere Aufgabe bei „Domivka“ ist es, dafür zu sorgen, dass ukrainische Frauen alle Phasen so einfach und schnell wie möglich durchlaufen und ihr volles Potenzial entfalten können.

Tausende intelligenter, fleißiger, talentierter und geschäftstüchtiger Frauen sind nach Wien gekommen. Alle diese Frauen brauchen jetzt Hilfe und Unterstützung. Es liegt in Ihrer Hand, diese Frauen auf ihrem Weg in eine neue Zukunft zu begleiten und ihnen die Hilfe zu bieten, die sie dringend benötigen. Wir müssen einander helfen. Was ist die Welt wert, wenn wir das nicht tun?

Ihre Hilfe zählt!

Wir freuen uns über Ihre Unterstützung.